
Ich habe mir beim Schreiben dieses Textes eine Sache vorgenommen: nicht so zu tun, als wäre ein Roadtrip immer nur Sonnenuntergänge, Lagerfeuer und Instagram. Manchmal ist es auch einfach nur: Autobahn, Baustelle, ein falsch abgebogener Moment in Warschau und die Erkenntnis, dass man im neuen Wohnmobil zwar viel Freiheit hat, aber eben auch sehr schnell sehr viele Kilometer.
Und genau so hat sich diese Reise angefühlt. Sie war als Abholfahrt gedacht. München → Goslar, Wohnmobil übernehmen, dann Tallinn als Umkehrpunkt. Ein bisschen Baltikum und Polen mitnehmen, soweit das in der kurzen Zeit eben geht. Am Ende waren es über 4.000 km, vier Tage bis Tallinn, ein paar Tage Stadt und Wald, dann wieder zurück. Und ja: wir haben nebenbei ganz normal gearbeitet. 40 Stunden pro Woche. Das ist gleichzeitig absurd und irgendwie genau der Punkt.
München (Perlach) → Goslar: Der Start, der sich noch nicht wie Start anfühlt
Die Fahrt von München nach Goslar war… sagen wir: solide. Ein paar Baustellen, kein allzu schlimmer Stau, keine Heldengeschichte. Aber genau solche Etappen sind es, die einen langsam in den Reisemodus schieben. Man sitzt da, schaut raus, redet über alles und nichts und merkt irgendwann, dass der Kopf schon nicht mehr in München ist.
Wir haben es leider nicht mehr geschafft, bei Auto Wilde während der Öffnungszeiten vorbeizukommen. Also: Supermarkt, was zu essen, Hotel. Morgen dann Abholung.
Erste Nacht im neuen Camper: Polen
Es gibt diesen Moment, wenn man das erste Mal im neuen Fahrzeug sitzt und plötzlich alles „anders“ ist. Geräusche, Sitzposition, die Art, wie man sich organisiert. Die erste Nacht war dann auch weniger romantisch als gedacht – eher ein Einruckeln. Wir sind direkt bis nach Polen gekommen, abends noch eine kleine Runde mit dem Hund. Am nächsten Morgen dann ein Spaziergang um den See und ein kleiner lokaler Supermarkt. Das klingt nach wenig – aber genau diese Kleinigkeiten machen aus „wir fahren irgendwo hin“ ziemlich schnell „wir sind unterwegs“.
Ein ganzer Tag im Auto (und das erste Mal tanken)
Der nächste Tag war ein klassischer „wir machen Strecke“-Tag. Viel Straße, wenig Ereignisse. Das erste Mal tanken mit dem neuen Wohnmobil war trotzdem ein kleines Highlight – einfach weil es sich nach Roadtrip anfühlt, auch wenn man nur an der Zapfsäule steht. Und natürlich haben wir den günstigen Sprit in Polen mitgenommen. In Warschau wurde es kurz zäher. Ein bisschen stockender Verkehr, einmal falsch abbiegen (natürlich auch in Warschau). Ansonsten: sanft, unkompliziert, unproblematisch. Nur gegen Ende wurde es etwas holpriger – viele Kreisverkehre, weniger Autopilot.
Tallinn: Umkehrpunkt nach vier Tagen
Donnerstag los, Sonntag angekommen. Eigentlich wollten wir Samstag Nacht in Tallinn sein. Aber so eine Strecke hat ihre eigene Meinung. Nicht ein großes Drama, sondern viele kleine Dinge, die sich summieren: Verzögerungen bei der Abholung, Verkehr, Pausen, Umwege, dieses „ach komm, wir halten doch nochmal kurz“.
Als wir dann am Sonntag um 14:38 angekommen sind, war das vor allem eins: Erleichterung. Und ein kleines bisschen Stolz, weil wir’s einfach durchgezogen haben. Wir wollten ein paar Tage Tallinn erkunden – Altstadt, neue Highlights, Kulinarik. Unser Basecamp war ein Parkplatz mit Blick auf die Fährschiffe. Komplett autark. Das klingt erstmal nach „Parkplatzromantik“, war aber genau richtig: nah dran, trotzdem unser eigener Raum. Und dann kam der Realitätscheck: In den ersten Tagen haben wir die ersten kleinen Macken am Wohnmobil festgestellt. Nichts Wildes, aber genug, um zu entscheiden: Auf dem Rückweg fahren wir nicht wie geplant über Dresden, sondern schauen nochmal in Goslar vorbei.
Tallinn hat uns übrigens richtig gut gefallen. So gut, dass wir ziemlich sicher sind: Da kommen wir nochmal hin. Dann aber als Teil einer größeren Runde Richtung Nordkapp.













RMK Camping Lemme: Zwei Nächte Wald, komplett autark (und trotzdem Büro)
Nach Tallinn waren wir hin und her gerissen. Einerseits: Richtung Heimat aufbrechen und schon mal Kilometer „wegmachen“. Andererseits hatten wir eine estnische SIM-Karte gekauft und wollten nicht in jedem Land für ein oder zwei Tage wieder eine neue organisieren.
Dann habe ich den idealen Spot gefunden: Die estnische Forstbehörde betreibt Stellplätze, die so naturnah sind, dass man sich kurz fragt, ob man da wirklich stehen darf. Wir sind beim RMK Camping Lemme gelandet. Normal kostet die Einfahrt 5 Euro, aber weil die Saison noch nicht eröffnet war, konnten wir einfach so drauf fahren.
Duschen und Toiletten waren geschlossen – aber wir hatten auf dem Weg Wasser aufgefüllt und genug Kapazität. Für das Entsorgen unserer Trockentrenntoilette war immerhin eine Toilette geöffnet. Und damit war das Setup perfekt: zwei Nächte im Wald, komplett ohne Spuren zu hinterlassen. Tagsüber: höchstens ein oder zwei Spaziergänger, vielleicht ein Auto. Absolut idyllisch.
Und jetzt kommt der Teil, der für manche wahrscheinlich das Gegenteil von idyllisch klingt: Wir haben dort gearbeitet. Ganz normal. 40 Stunden pro Woche, auch auf diesem Trip. Nur eben mit Vogelstimmen statt Bürogeräuschen. Das ist eine seltsame Mischung aus Freiheit und Alltag – aber genau die, die für uns funktioniert.
Riga: Wir konnten nicht einfach vorbeifahren
Als das Wochenende näher kam, wollten wir eigentlich Richtung Danzig. Aber an Riga konnten wir nicht einfach vorbeifahren. Also sind wir in die Stadt gefahren – und natürlich im Berufsverkehr. Mit einem Wohnmobil, das sich eher wie ein kleiner LKW anfühlt. Nicht die entspannteste Kombi. Wir waren nur etwa 1,5 Stunden dort. Durch die Stadt laufen, den Vibe aufsaugen, kurz eintauchen. Am Stadion haben wir einen richtig guten Burger mitgenommen, den wir später im Wohnmobil gegessen haben. Dann weiter. Ich bin ziemlich sicher: Das war nicht das letzte Mal Riga. Vor allem, weil die Stadt alt und hypermodern so selbstverständlich miteinander verknüpft.
Kaunas: kurze Nacht, schöner Morgen – und ein Tag voller Kontrollen
Kaunas war wirklich nur ein Übernachtungs-Stop. Im Dunkeln angekommen, auf einem Parkplatz mit ein paar LKW. Und trotzdem: kein Lärm. Einfach ruhig. Am nächsten Morgen dann ein idyllischer Blick auf den Nemunas. Das sind diese kleinen Kontraste, die man unterwegs ständig hat. Ein kleines Omen gab’s beim Auffahren auf die Autobahn: Polizeikontrolle auf der Gegenfahrbahn. Und tatsächlich wurden wir an dem Tag zweimal kontrolliert – einmal direkt an der Grenze, einmal in Polen bei einem Stop auf einem Parkplatz an der Landstraße. Beide Male völlig reibungslos: Ausweis zeigen, kurzer Blick ins Fahrzeug, fertig. Vermutlich Rasterfahndung in Grenznähe. Trotzdem ungewohnt, weil wir sonst einfach nie kontrolliert werden. Diesmal also gleich drei Mal an einem Tag.
Danzig: Ein echtes Highlight
Danzig war ein Highlight der Reise. Wir sind am Nachmittag angekommen und haben uns diesmal den Wohnmobilstellplatz am historischen Hafen gegönnt – einfach damit wir ohne Stress näher an der Innenstadt sind. Von dort ging’s zu Fuß los, natürlich mit Hund. Wir haben Brücken und Architektur bewundert, diese Stimmung am Wasser, und dann diese gigantische Kirche, die man nicht nur anschaut, sondern wirklich bestaunt. Und dann: Piroggen. Das erste Mal auf der Reise und im Leben – und es war genau die richtige Entscheidung. Den Tipp für das Restaurant haben wir in einer Cocktailbar bekommen. Und weil der Tipp so gut war, sind wir danach aus Dankbarkeit direkt zurück in die Bar – auf einen Cocktail. Diese Bar war für sich schon ein Erlebnis: Drinks nach Rezepten aus vergangenen Jahrzehnten, so gut gemixt und so liebevoll erklärt, dass allein der Bestellvorgang und die Erklärung des Menüs ein Highlight waren.
Berlin: Arbeitsmodus an einem Ort mit Geschichte
Nach Danzig ging’s nach Berlin. Ziel: das Fahren am Wochenende abhaken, damit wir unter der Woche arbeiten können. Und ich wollte mindestens einen Tag ohne Fahren. Wir haben ausgeschlafen, gefrühstückt, geduscht und sind los. Leider hat es am Ende länger gedauert als geplant. In Deutschland kam Stau dazu. Die Stellplatzsuche war schwierig, aber am Ende durften wir auf Privatgrund stehen bleiben: direkt am ehemaligen Grenzübergang der Teltowkanalbrücke. Wir standen im alten Westen, und wenige Zentimeter hinter unserem Auto markierte eine rot-weiße Absperrung die ehemalige Grenze zum Osten. Ein surrealer Moment. Die Tage dort waren ruhig. Wir haben gearbeitet und waren viel spazieren in den großen Wäldern dort.
Goslar: Pflichtprogramm
Als nächstes ging es nach Goslar. Unromantisch. Unspektakulär. Auf einem innerstädtischen Parkplatz übernachtet, um den Tag auf dem Hof des Wohnmobilherstellers und dann bei einer Mitsubishi-Werkstatt zu verbringen. Am Nachmittag sind wir weiter nach Leipzig.
Leipzig: was bist du für eine schöne Stadt
Leipzig hat uns direkt abgeholt. Am Abend ein kleiner Spaziergang bis zum Bahnhof, einfach um ihn zu bewundern. Am nächsten Tag erst Arbeit. In der Mittagspause haben wir uns einen Matcha Latte geholt (kleine Belohnung, große Wirkung). Danach in die Innenstadt: Erkundung, eine Bratwurst, ein italienischer Markt. Gegen 20 Uhr sind wir dann Richtung Süden los, weil wir am nächsten Tag Freunde besuchen wollten. Leipzig muss man sich auf jeden Fall nochmal anschauen. Dann auch mit Zoo.
Töpen: eine Nacht, ein Entschluss
Töpen war dann wirklich ein Spot für eine Nacht. Am nächsten Tag entspannt aufstehen, frisch machen, Frühstück im Freien und ein kleiner Spaziergang, bevor es nach Ergolding zu Freunden ging. Und so dunkel, wie es dort war, habe ich einen Entschluss gefasst: Ich brauche Zusatzscheinwerfer am Auto. Links, rechts und eine Lightbar oben.
Fazit
War das ein klassischer Urlaub? Nein.
War es ein Roadtrip, der sich nach Freiheit anfühlt? Ja.
Es war eine Reise mit sehr viel Straße und sehr viel Alltag – und trotzdem mit Momenten, die hängen bleiben: Tallinn mit Blick auf die Fähren, zwei Nächte Waldcamping in Estland, Riga im Berufsverkehr, Danzig als Jackpot, Berlin an der ehemaligen Grenze, Leipzig als Überraschung. Und das Beste daran: Das war ziemlich sicher nicht die letzte Tour. Eher ein sehr guter Anfang.
Alle weiteren Bilder und einige Videos findet Ihr auf meinem Polar Stepps Profil
Hallo Josef, vielen Dank für Deinen Einblick in Eure Reise. Wir fahren im September selbst mit dem Bus von München nach Talinn und wollen in Danzig vorbeischauen. In welchem Lokal habt Ihr die Piroggen gegessen und wie heißt die schöne Bar, von der Du so schwärmst? Als Betreiber eines französischen Bistros sind wir immer sehr dankbar für einen guten Gastrotipp. Sei herzlich gegrüßt.
Hallöchen 🙂
Ich hoffe, ich bekomme das jetzt alles zusammen 🙂 geparkt haben wir hier: Camper Park Stocznia. Das ist im alten Hafen. Nicht schön, nicht billig, aber ein guter Standort, um zu Fuß ins Zentrum zu kommen.
Die Cocktail Bar müsste das hier gewesen sein: Mirzam Cocktail Bar
und das Restaurant…. ich glaube, das war das hier: Pierogarnia Stary Młyn Gdańsk Chmielna
also direkt am kanal 🙂 und man muss direkt über eine der coolen Brücken rüber 🙂
Achtung übrigens: schaut genau auf die Route, wenn ihr auf Maps und co von Danzig nach Tallin wollt. unser Navi hatte zwischendrin mal die glorreiche Idee uns über Kaliningrad zu schicken. Sind zwar 200km weniger aber ist halt Russland mit Visum und so…
Viel Spaß in Danzig und Tallinn!!